Die Werke Lorcas haben mich im letzten Jahr sehr beschäftigt – es begann mit seinen Zigeunerromanzen und später kamen die Theaterstücke hinzu. Diese interessierten mich umso mehr, da sie auf mich wie Prototypen der Filme des spanischen Regisseurs Pedro Almodovar wirkten: Hauptpersonen waren Frauen und es drehte sich nur um Männer. Die Frauen waren vital und willensstark, jedoch frustriert in ihren Beziehungen. Die Aussagen waren durchaus gesellschaftlich: Bernarda Alba repräsentiert die Tyrannin, die die Armen verachtet und der Konventionen und ihr gesellschaftlicher Status alles bedeuten. Eine ihrer Töchter rebelliert mit einer Aussage, der das damalige Establishment schockte: “Mein Körper gehört mir!”
Lorca wurde schnell zum Feindbild der Katholiken und der spanischen Rechten, die gegen ihn und seine Theaterprojekte Kampagnen fuhren. Die “Barraca” repräsentierte alles was sie hassten: Sie zeigten traditionelle spanische , auch religiöse, Stücke ebenso wie moderne sozialkritische Werke. Es waren Studenten, sogar Frauen waren darunter, die durch das Land reisten – und geleitet wurde das Ganze von dem “roten Poeten” Lorca, der zudem noch schwul war.
War Lorca nun ein “roter Poet”? Sein Biograph Ian Gibson zeigt ein differenziertes Bild: Lorca zeigte Sympathien für die Sowjetunion und gab in Interviews eindeutige Stellungnahmen für die Republikaner. Er war aber nie Mitglied der kommunistischen Partei, noch wollte er sich durch sie instrumentalisieren lassen. Lorca missachtete 1936 die Warnungen seiner Freunde und fuhr nach Granada und wurde dort von der Falange-Miliz gefangen genommen. Die Falangisten fackelten nicht lange und ermordeten ihn – über den genauen Ort und die genauen Hintergründe wissen wir wenig.
Was mich wirklich verwundert, ist dass Wikipedia auf einen Spiegel-Artikel von 1956, der ein Buch eines französischen Aristrokraten vorstellt, der behauptet, die “wahren Hintergründe” des Mordes an Lorca zu kennen. Das, was dort beschrieben ist, ist teilweise absurd:
- Lorca wurde auch von einigen Rechten verehrt – ja, und? Wurde er nicht deswegen von anderen Rechten massiv angegriffen?
- Die Familie hat wenig Lorcas Interesse an der Aufklärung – auch nicht verwunderlich, sie leugnet auch Lorcas Homosexualität.
- “Feindschaften” unter Künstlern – ja und? Der Regisseur und “Freund” Lorcas Buñuel hatte sogar Schwule in seiner Jugend als Sport zusammengeschlagen. Das Verhältnis zu den Künstlern war nicht unkritisch – aber gab es deswegen Morde? Buñuel warnte sogar Lorca, nach Granada zurückzukehren.
- In Spanien wusste man die “wahren Hintergründe” und schwieg – was bedeute, dass man die “wahren Hintergründe” kennt. Auch das ist Mist: In Spanien wollten die Behörden die Hintergründe verschweigen, was auch noch für ganz andere Verbrechen des spanischen Faschismus gilt, die heute noch Tabu sind.
Wer tatsächlich über das Ende Lorcas bescheid wissen will, sollte die Bigraphie Lorcas lesen, die Quellenangaben und Zeugenaussagen aus den 70er Jahren enthält. Hier erfahren wir mehr über die letzten Stunden Lorcas.
Tatsächlich ist es für mich kein Wunder, dass Rechte einfach Menschen töten ohne Bekennerschreiben. Das war so bei Rosa Luxemburg, Liebknecht und auch beim liberalen Politiker Rathenau. Und auch, wenn ich hier nicht über Politik schreiben will, hier noch ein Statement: Wenn BKA-Präsidenten bedauern, dass deutsche Rechtsterroristen ohne Visitenkarten & Bekennerschreiben morden und deswegen entschuldigen, dass deutsche Sicherheitsbehörden im Dunkeln tappen, dann zeigt das nur, dass weder der BKA-Präsident noch die Strafverfolger die deutsche Geschichte und auch nicht die Geschichte des Terrors studiert haben. Das ist ein Armutszeugnis.
28. Dezember 2011
Kategorien: Lorca . . Autor: ttrapp . Kommentare: Hinterlasse einen Kommentar